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Überfall auf Flüchtlingswohnung in Kutenholz

und was aus den Tätern wurde


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Die Tat
Am 19. Mai 1999 überfielen acht Männer die Flüchtlingswohnung in Kutenholz-Aspe (Landkreis Stade). Drei der vier im ersten Stock des Hauses lebenden Flüchtlinge konnten sich durch einen Sprung aus dem Fenster retten, ein weiterer Flüchtling versteckte sich im Haus. Die Täter demolierten die Wohnungseinrichtung und zerschlugen die Fenster des Hauses. Eine im Erdgeschoss lebende Frau wurde mit einer Waffe bedroht, ebenfalls ein zuhilfe kommender Nachbar. Ein Anwohner konnte sich die Nummer eines der Täterwagen merken. Die ersten Täter wurden noch in der Nacht festgenommen.

Die Opfer
Es sind Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland Sierra Leone, die hier Asyl beantragt haben. Sie fürchteten während des Überfalls um ihr Leben und konnten sich nur durch verstecken und durch Flucht aus dem Fenster (im ersten Stock) retten. Nach der Tat wurde ihnen eine Wohnung in einem anderen Ort des Landkreises Stade zugewiesen. Nach eigenen Angaben haben sie für die zerstörten privaten Gegenstände keinen Schadenersatz bekommen.

Das Umfeld
Eine Jugendgang trat bis vor einigen Jahren gewaltbereit in Kutenholz auf. Einer der Täter war Mitglied dieser Clique, die »Bomber« genannt wurden. Zehn Tage vor dem Überfall wurden in Kutenholz bei einer anderen Flüchtlingsfamilie aus dem Kosovo die Fensterscheiben eingeworfen. Mehrmals vorher waren schon unbekannte Männer auf den Hof gefahren und hatten Parolen wie »Ausländer raus« gegrölt. In der Flüchtlingswohnung in Kutenholz-Aspe wurden einige Tage vor der späteren Tat bereits Fenster eingeworfen und die Wände beschmiert. An dieser Tat war mindestens einer der späteren Täter beteiligt. Die Flüchtlinge aus Sierra Leone erhielten auch eine mündliche Warnung, dass sie den Ort verlassen sollten, sonst würde es ihnen schlecht ergehen. Die Vorkommnisse wurden alle der Polizei gemeldet. Nach der Tat kam es zu weiteren fremdenfeindlichen Pöbeleien in Kutenholz.

Reaktionen im Dorf
Unmittelbar nach dem Anschlag trat der örtliche »Runde Tisch« (Zusammenschluss von Kutenholzer Vereinen, Verbänden und der Kirchengemeinde) mit Aktionen an die Öffentlichkeit. In einer aufmerksamen Nachbarschaft hätten »feige Gewalttäter es schwer«. Gelbe Bänder in den Birkenbäumen, die zu Pfingsten aufgestellt werden, sollen symbolisieren, »dass hier jemand zu Hause ist, der dieses rechtsradikale Chaotentum ablehnt«. Die Schleifenaktion wurde als Aktion gegen das Vergessen im Mai 2000, ein Jahr nach dem Überfall, wiederholt.

Der Prozess
Im Mai 2000 fand, nachdem schon vorher die drei minderjährigen Täter unter Auschluss der Öffentlichkeit vor dem Jugendgericht verurteilt wurden, der Prozess gegen fünf volljährige Täter in Stade statt. Alle Täter waren geständig, gaben eigenen Tatanteil zu, konnten sich angeblich aber nicht an ein spezielles Auftreten der jeweils Anderen erinnern. Die Tat sei spontan aus der Gruppe heraus entstanden, einen Anführer habe es nicht gegeben, und es habe die Absprache gegeben, lediglich Sachbeschädigung zu machen. Die mitgeführten Schlaginstrumente (Baseballschläger und Latten) hätte man zufälligerweise dabeigehabt. Auslöser des Überfalls sollte eine Auseinandersetzung gewesen sein, die Marcus M. tagsüber mit den Flüchtlingen gehabt hätte. M. - er wurde schon vom Jugendgericht verurteilt - bedrohte während des Überfalls eine Anwohnerin mit einer Waffe. Im Gericht trug er einen großen schwarz-weiß-roten Aufnäher mit der Inschrift »Kameradschaft Elbe-Weser«.
Staatsanwaltschaft und Gericht gingen nicht von einer spontanen, unorganisierten Tat aus. Drei der Angeklagten erhielten eine neunmonatige Strafe mit Bewährung verbunden mit Geldstrafe, ein Angeklagter wurde zu fünfzehn Monaten Strafe auf Bewährung und Geldstrafe verurteilt. Er war früher schon in Kutenholz als »Bomber« aufgefallen. Die Gerichtskosten müssen von den vier Tätern getragen werden. In Lars Hildebrandt sah das Gericht den heimlichen Anführer und er wurde zu einer Haftstrafe von 18 Monaten ohne Bewährung verurteilt. In einem »Standpunkt« zum Prozess schrieb die Bremervörder Zeitung am 2. Juni 2000: »Das Geschehen im Saal 109 des Amtsgerichts dominierten die Täter. Ihre Perspektive zählte, ihre Sprüche bleiben in Erinnerung - nicht jedoch das Leiden der Opfer. Ihre Todesangst kam nicht zur Sprache, ihre Verletzungen nach dem Sprung aus dem Fenster waren kein Thema.«

Der »Rädelsführer«
Bereits einige Tage vor dem Überfall hatte Hildebrandt das Haus mit der Flüchtlingswohnung beschmiert und Fenster eingeworfen. Auf sein Motiv angesprochen sagte er knapp »Fremdenhass«. Der jetzt 22-jährige Hildebrandt gilt laut Bremervörder Zeitung als »geistiger Anführer der Bremervörder Skinheadszene«. Zum Zeitpunkt des Überfalls auf die Flüchtlingswohnung in Kutenholz-Aspe war er Mitglied der NPD. Hildebrandt war schon im Oktober 1996 verantwortlich für einen Überfall auf den kirchlichen Jugendtreff »Sky« in Gnarrenburg. Die Verurteilung zu einer 15-monatigen Jugendstrafe auf Bewährung für diese Tat wurde erst im Frühjahr 2000 rechtskräftig. Hildebrandt trat häufig provokant auf, so bot er z. B. der Leiterin der Bremervörder Jugendbegegnungsstätte Schutz vor »kriminellen Ausländern« an. Im Anschluss an eine Party, die Hildebrandt in seiner damaligen Wohnung in Zeven gab, kam es im November 1999 zu Ausschreitungen, bei denen etwa 20 Leute unter anderem eine Polizeiwache angriffen. Mit Hinweis auf eine günstige »Sozialprognose« versuchte der Verteidiger von Hildebrandt eine Haftstrafe für den Überfall von Kutenholz-Aspe abzuwenden.

Gewaltige Schläge - Neonazi verprügelt
Harburger Rundschau (Hamburger Abendblatt) 13.3.2001

(...) Als Opfer erschien Lars H. vor dem Stader Amtsgericht. (...) In der Nacht des 10. Juni 2000 steckte Lars H. selbst Schläge ein, die sein Jochbein brachen, weshalb er seither eine Metallplatte unter dem linken Auge trägt. Tatort war ein kirchliches Jugendzentrum in Stade-Hahle, das Lars H. häufiger heimsuchte, um für seine rassistischen Ideale zu werben. Dabei zeigte er auch stolz das auf seinem Rücken tätowierte Hakenkreuz. Über den Ablauf des Geschehens erhielt das Gericht nur verworrene und auch gelogene Aussagen. Das Opfer selbst gab an, sich an nichts mehr zu erinnern. Der Angeklagte Andy S. (26) gestand unumwunden zwei kräftige Faustschläge ins Gesicht von Lars H., der davon umkippte. Anlass sollen dessen Nazi-Sprüche gewesen sein. Ob Andy S. noch nachgetreten hat, ob Lars H. bewusstlos am Boden lag und wie lange, wer überhaupt zugegen war und das Geschehen beobachtete - das blieb im Dunkeln. Im Prozess zum Kutenholzer Überfall hatte das NPD-Mitglied Lars H. behauptet, sich mittlerweile von der rechten Szene distanziert zu haben. Eine Einlassung, der die Staatsanwaltschaft damals mangels Erkenntnissen nichts entgegen zu setzen hatte. Das war zehn Tage vor Vorfall im Jugendzentrum, bei dem Lars H. wie gewohnt rechte Agitation betrieb. Hartnäckige Gerüchte, bei den Faustschlägen für ihn habe es sich um eine Abreibung für seine feige Abkehr von den Gesinnungsgenossen im Kutenholz-Prozess gehandelt, wurden durch die Beweisaufnahme nicht entkräftet. Juristisch ist der Fall erledigt: Vier Monate Haft für den Angeklagten, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden; außerdem 2000 Mark Geldstrafe und 1500 Mark Schmerzensgeld an Lars H. Die Fragen zum politischen Hintergrund der Tat bleiben offen.

Türke per Internet zu Skinhead-Party gelockt

Am 19. Februar 2000 fand bei Lars Hildebrandts Gesinnungsgenossen Nico S. in Neuenkirchen eine Skinhead-Party statt. Eingeladen war auch ein 28-jähriger Türke aus dem Raum Hannover. Er hatte auf eine Kontaktanzeige im Internet geantwortet: »Deutsches Mädchen sucht ausländischen Freund«. Wer auf die Idee mit dem Internet kam und was mit dem Überraschungsgast geschehen sollte, nachdem man ihn am Bahnhof Horneburg abgeholt hatte, konnte die Staatsanwaltschaft offenbar nicht ermitteln.
Am Ende jedenfalls hatte der Türke ein gebrochenes Nasenbein und floh mit Hilfe eines Autos, das er auf der Straße anhielt. Zwei beteiligte Jugendliche wurden schon im Sommer 2000 vom Amtsgericht Buxtehude zu Jugendarrest verurteilt. Im März 2001 mussten sich Strafhäftling Lars Hildebrandt und der 23-jährige Robert S. vor dem Amtsgericht Stade verantworten.
Auch Robert S. ist mehrfach im Raum Winsen als Neonazi aufgefallen und war zur Tatzeit auf der Flucht vor der Polizei in Neuenkirchen untergetaucht. Er verbüßte zum Zeitpunkt des Prozesses eine 15-monatige Haftstrafe wegen Körperverletzung.
Lars Hildebrandt behauptete, er habe dem Türken lediglich geraten, von der Party zu verschwinden und ihm, »um dieser Aufforderung Nachdruck zu verleihen«, eine Ohrfeige gegeben. Sein Mandant habe das Opfer »schützen wollen«, sekundierte Hildebrandts Anwalt.
Robert S. gab sich als ein eben solches Unschuldslamm. Auch er habe es gut gemeint mit dem ungeliebten Gast und ihn mehrfach zum Gehen aufgefordert. Als allerdings der bereits verurteilte 18-jährige Michael L. vor dem Haus auf den Türken einprügelte, habe er sich daran beteiligt und auch mit den Füßen auf den am Boden Liegenden eingetreten. Ansonsten stimmten die Aussagen von Angeklagten und Zeugen in keinem Punkt überein.
Zeuge Michael L. machte aus seinen Anschauungen keinen Hehl. Auf die Frage des Richters, ob der Türke ihm etwas getan habe, antwortete er: »Der ist Ausländer, das reicht mir.« L. hatte am Holocaust-Gedenktag 2000 in Horneburg Hakenkreuze und SS-Runen an Hauswände geschmiert.
»Ich finde das widerlich«, kommentierte der Richter das Geschehen in Neuenkirchen und attestierte den Angeklagten »dumpfen Ausländerhass«. Er hob hervor, dass das Opfer sich arglos auf die Party begeben habe und in feindlicher Umgebung Todesängste ausstehen musste. Sein Urteil: zehn Monate Haft für Hildebrandt, 15 Monate für Robert S.

Strafnachlass für einen Neonazi
Neues Deutschland 21.12.2001

(...) Lars Hildebrandt hat seine Richter wieder einmal erfolgreich genarrt. Im Dezember 2001 erhielt der prominenteste Neonazi der Elbe/Weser-Region einen Strafnachlass erhalten für etwas, weswegen er nie verurteilt wurde. Jahrelang hat die Justiz den 24-Jährigen als gewöhnlichen Rowdy behandelt. Die von ihm geleitete Attacke auf ein Jugendzentrum 1996, der von seinen Kumpanen verübte Angriff auf eine Polizeiwache, der Überfall auf ein Asylbewerberheim 1999 und schließlich die Verletzung eines Türken, der per Internet im Februar 2000 als Hauptattraktion zu einer Skinhead-Party gelockt worden war - in jedem Fall haben die Gerichte den offenkundigen rechtsradikalen Hintergrund nicht untersucht und nicht in die Beurteilung der Tat einfließen lassen. Hildebrandt ist stets nur als »Rabauke«, nie als Neonazi verurteilt worden - zu insgesamt 26 Monaten, von denen ihm zwei geschenkt wurden - weil er kein Neonazi mehr sein will. Dass er sich von der Szene abgekehrt habe, hatte Hildebrandt bereits im Prozess um den Überfall auf das Asylbewerberheim in Kutenholz-Aspe behauptet. Was ihn nicht davon abhielt, aus der Haft heraus Briefe mit antisemitischem und rassistischem Inhalt zu schreiben. Allerdings nahmen seine Gesinnungsfreunde ihm die Feigheit übel und schlugen ihn zehn Tage nach dem Prozess zusammen. Auch hier unterließ es die Justiz, genauer nachzuforschen. Zu der Verhandlung, in der er seine Läuterung erneut darlegte, erschien Hildebrandt in einem T-Shirt mit dem Aufdruck »Lonsdale«. Der Buchstabenfolge »NSDA« wegen gilt diese Marke unter Neonazis als legales Erkennungszeichen. Nur die Justizbeamten am Landgericht Stade konnten oder wollten diese Verhöhnung nicht erkennen. (...) Er habe auch nie einer Skinhead-Gruppe angehört, behauptete der reuige Rechte. Und kam damit durch, denn von den mehreren Skinhead-Gruppen, die er in der Region initiierte, war ja schon in den vorangegangenen Verfahren nie die Rede. So wenig wie von seiner NPD-Mitgliedschaft, über die der Verfassungsschutz sehr wohl im Bilde war. Bei denen aber hatte sich nie ein Vertreter der Staatsanwaltschaft erkundigt. (...) Es beruhe auf seinen Erfahrungen mit Ausländern, dass er Neonazi geworden sei, erläuterte Hildebrandt seinen verständnisvollen Richtern. Seine ausländischen Mitschüler »taten sich schwer, meine politischen Ansichten zu akzeptieren«. Gäbe es keine Ausländer, so die Logik dieser Läuterung, gäbe es auch keine Neonazis. Was mit dem Hakenkreuz werden soll, dass er auf dem Rücken tätowiert hat, wurde Hildebrandt selbstverständlich nicht gefragt, denn auch davon will die Justiz nichts wissen.

Lars HildebrandtAmtsgericht StadeMärz 2001

Neonazi bekommt dritte Bewährung
Harburger Rundschau (Hamburger Abendblatt) 19.2.2002

»Wir wollten in Ruhe wegfahren, aber das hat denen wohl nicht gereicht«, fasst eine Zeugin den Vorfall vom Mai 2001 zusammen, der im Februar 2002 ein Nachspiel vor dem Jugendschöffengericht in Stade hatte. Die Russlanddeutschen, die einen Geburtstag feierten, hatten vor den Provokationen von wenigstens 20 Neonazis aus dem gesamten Elbe-Weser-Raum, die sich ebenfalls am Fredenbecker Badesee aufhielten, bereits kapituliert. Auf das letzte Auto, dessen Fahrerin vor Aufregung den Motor abgewürgt hatte, stürzte einer der Neonazis zu und sprühte durch das Schiebedach einem Insassen CS-Gas ins Gesicht. Der Angegriffene wehrte sich; mit Zeltstangen und brennenden Holzscheiten bewaffnet rückten die Neonazis vor. »Ein Glück, dass Eugen G. so beherzt vorgegangen ist«, kommentierte der Richter das Verhalten des 25-jährigen Deutschrussen, der eine Axt über dem Kopf schwingend die Glatzen in Schach hielt, bis die Polizei eintraf. Für die Gas-Attacke auf der Anklagebank saß Marcus M. Der 19-Jährige hat ein Jahr und zehn Monate zur Bewährung ausgesetzter Haft auf seinem Konto. Er gehörte zu denen, die im Mai 1999 das Asylbewerberheim in Kutenholz überfielen. Weil ihm ein Widerruf der Bewährung und mehr als zwei Jahre Haft drohten, wollten seine Kameraden ihn raushauen, indem sie einen anderen aus ihren Reihen, der nicht vorbestraft ist, als Täter präsentierten. Als sich abzeichnete, dass das Gericht auf dieses »Aussage-Komplott« nicht hereinfallen würde, bequemte sich M. doch noch zu einem Geständnis. Und das ist strafmildernd, auch wenn es in letzter Minute erfolgt. Der Richter gab nochmals drei Jahre Bewährung auf die acht Monate, zu denen er M. verurteilte. Außerdem muss der junge Mann 120 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und 400 Euro an sein Opfer zahlen.

Angeklagte zeigten sich nicht einsichtig
Osterholzer Kreisblatt (Weser-Kurier) 14.9.2002

(Vor dem Amtsgericht Stade wird der Skinhead-Überfall auf eine Geburtstagsfeier am 28. Oktober 2000 in Osterholz-Scharmbeck verhandelt. Angeklagt sind der 20-jährige Stefan S. und sein 18-jähriger Bruder Olaf. Wegen anderer neonazistischer Straftaten verbüßt Stefan S. bereits eine Haftstrafe von zwei Jahren und 10 Monaten.)
(...) Während der ganzen dreistündigen Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht in Stade grinsen und kichern die beiden Angeklagten und begleiten die Zeugenaussagen mit verächtlichen Gesten. Auch ihr familiärer Anhang im Zuschauerraum scheint seinen Spaß zu haben. (...) Im Gefängnis, lässt Stefan S. durch seinen Verteidiger erklären, nehme er an einem Programm für Aussteiger aus der Neonazi-Szene teil. Wie sein Verhalten im Prozess zeigt, hat das bislang nicht viel gefruchtet. Gefragt, warum er kein Skinhead mehr sein wolle, fällt ihm nur ein: »Keine Lust mehr darauf«. Als Aussteiger, setzt er hinzu, habe er im Knast Ärger bekommen mit seinem gleichfalls einsitzenden ehemaligen »Führer« Lars Hildebrandt. Der 25-Jährige ist der prominenteste Neonazi der Elbe/Weser-Region und verantwortlich unter anderem für den Überfall auf ein Asylbewerberheim in Kutenholz im Landkreis Stade im Mai 1999. Zuletzt wurde er verurteilt, weil er per Internet einen Türken zu einer Skinhead-Party im Alten Land gelockt hatte, wo dieser verprügelt wurde. Wie jetzt seinem Gefolgsmann war Hildebrandt bei seinen Verurteilungen durch das Stader Gericht immer wieder strafmildernd zu Gute gehalten worden, dass er seine Abkehr von der rechten Szene bekundet hatte.

*
Wie aus Kindern Neonazis wurden
Eine Mutter zweier verurteilter Brüder berichtet
Stader Tageblatt 28.9.2002

(...) Minderwertigkeitsgefühle wegen massiver schulischer Probleme waren aus ihrer Rückschau die Voraussetzung, dafür, dass ein orts- und gerichtsbekannter Neonazi über ihre beiden Jungen Macht bekommen konnte. In einem einzigen Gesprächsversuch, erinnert sich die Mutter, habe der ihr »rhetorisch brillant« seine verworrene Ideologie vorgetragen. Ihre Söhne habe er damit beeindrucken können. Dann habe er sie »geschult, dressiert, gedrillt, dabei Hass geschürt und ein Gefühl von Stärke forciert«. Sozialarbeiter und Pfarrer hätten aus Angst tatenlos zugeschaut, erinnert sich die Mutter. (...) Ein bisschen tröstet (die Mutter), »dass es kein Einzelfall ist«.


Lars Hildebrandt wurde im Februar 2002 vorzeitig aus der JVA Vechta entlassen. Schon im April wurde er wieder straffällig.

Am 11. April 2002 berichtete eine Zeitung in Hannover über die Schändung des Mahnmals, das an das KZ-Außenlager Ahlem erinnert:

»Mitarbeiter der Stadt endeckten die Tat gestern Mittag unmittelbar vor Beginn eines Gedenkgottesdienstes für die Opfer des KZ-Außenlagers, zu dem auch ein ehemaliger Häftling aus Israel angereist war. Die Polizei ermittelt wegen Volksverhetzung und Sachbeschädigung.«

Hildebrandt hatte die Schändung vorbereitet. Drei Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren hatten »Auschwitz-Lüge«, »Judas verrecke«, »Solidarität mit Palästina« auf die Kupferplatten geschrieben, die die Namen von 294 zu Tode gekommenen Häftlingen des Lagers tragen; auf die Mauern des Mahnmals klebten sie DIN/A-4-große Zettel mit SS-Runen, Hakenkreuzen und der Adresse der »NSDAP-Aufbauorganisation« des US-Neonazis Gary Lauck.

Mahnmal in Ahlem

Die Täter wurden im Juni 2002 festgenommen. Im Januar 2003 wurde ihnen der Prozess gemacht, über den die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) berichtete:

»Die Einzelheiten wurden offenbar in der Wohnung des 25-jährigen Lars H. besprochen, der, wie er sagt, bei der Stadt Seelze angestellt ist. Ihm gehören die Disketten mit dem Propaganda-Material, die dem 17-Jährigen als Vorlage für die Hakenkreuz-Plakate dienten. Offenbar besorgte er zudem den Stift mit dem der dritte Jugendliche Parolen (...) auf das Mahnmal geschmiert haben soll. Der Angeklagte aus Seelze erklärte, er habe mit dem Anschlag nichts zu tun. Erst im Frühjahr sei er aus der Haft gekommen und habe ständig Ärger mit dem Staatsschutz.«

Lars Hildebrandt bekannte sich im Prozess zu einer »patriotischen Einstellung«.

Über das Urteil vermeldete die HAZ am 16. Januar 2003:

»Dem mehrmals vorbestraften 25-jährigen Mitangeklagten, der den Kleister für die Plakate angerührt hatte, aber nicht mit zum Mahnmal gefahren war, wurde Beihilfe angelastet. Von ihm stammen die Vorlagen für die Plakate. Er muss 4800 Euro Geldstrafe zahlen - auch weil er Jugendlichen volksverhetzende Schriften überlassen hatte. Der Staatsanwalt hatte acht Monate Haft gefordert, der Verteidiger Freispruch.«


„Meine Ziele sind dieselben und ich verfolge sie mit der gleichen Hingabe wie früher.“

Lars Hildebrandt wohnte 2005, nachdem er zeitweilig in Sachsen-Anhalt lebte, in einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen. Er bemühte sich dort um Kontakte zur regionalen Neonaziszene. Im Oktober 2005 vermeldete die neonazistische Kameradschaft Aachener Land (KAL) Hildebrandts Auftritt bei einer von der KAL organisierten Veranstaltung.                                                           
mehr:

Hildebrandt tritt unter den Namen „zogsux“ in Internetforen und als Musiker in Erscheinung. „ZOG“ („Zionist Occupied Government“) ist ein neonazistisches antisemitisches Kürzel und „Sux“ ist vom englischen Schimpfwort „Sucks“ abgeleitet.

Hildebrandt alias „zogsux“ schrieb auf einer ihm zugeordneten Homepage:

„Die letzten beiden Male im Knast waren für mich wirklich hart ... und haben mich geprägt. Ich bin ein besserer Mensch geworden und bin gewaltbereiter, als je zuvor ...

Meine Ziele sind dieselben und ich verfolge sie mit der gleichen Hingabe wie früher.“

Ende Februar 2006 bekam die VVN-BdA Stade eine e-mail von Lars Hildebrandt mit dem Absender „zogsux“:


Betreff: DAS WARS!!!
„...., du beschissener Antifaschist!!!
...noch eine miese hetze oder lüge kommt entweder über deine lippen oder fliesst irgendwie aus deinen fingern raus und ich bin schneller in niedersachsen als du „neue identität“ aussprechen kannst!!! haben wir uns verstanden?!? ...“.
(gegen Hildebrandt wurde ein Strafantrag wegen der e-mail gestellt)


Im März 2006 veröffentlicht „ZOG Sux“ eine erste CD mit dem Titel:  „Weisse Brüder“ bei Whitenoise-Records („der nationale Versand mit sozialistischen Preisen“) in Lahnau.                          


Die Staatsanwaltschaft Aachen hat im Juni 2006 das Ermittlungsverfahren gegen Lars Hildebrandt (Tatvorwurf: Beleidigung) gemäß § 154 Abs. 1 der Strafprozessordnung eingestellt. Die Staatsanwaltschaft schrieb am 6. Juni 2006:

„Nach dieser Vorschrift kann der Staatsanwalt von der Verfolgung einer Straftat absehen, wenn die wegen der angezeigten Tat zu erwartende Strafe neben einer anderen bereits verhängten oder zu erwartenden Strafe oder Maßregel der Besserung und Sicherung nicht beträchtlich ins Gewicht fällt.

Diese Voraussetzung ist im vorliegenden Fall erfüllt. In einem anderen anhängigen Verfahren ist eine Verurteilung zu einer Strafe oder Maßregel der Besserung und Sicherung zu erwarten.“

 

 

Lars Hildebrandt (ZOGSux) trat am 6. Januar 2007 bei einem Nazikonzert in Neufeld (Schleswig-Holstein) auf, das von der „Nationalen Aktionsfront Dithmarschen“ veranstaltet wurde. Hildebrandt lebt mittlerweile in dem nördlichen Bundesland.   

                                                            Stand:  März 2007