VVN-BdA Stade

»Entbindungsstätten für Zwangsarbeiterinnen« und »fremdvölkische Kinderheime«


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© VVN-BdA Stade 2004


Nach einem Erlass des »Generalbevollmächtigten für Arbeitseinsatz« vom 15.12.1942 wurden ab Anfang 1943 in den industriellen und städtischen Zentren des Deutschen Reiches und in den ländlichen Gebieten »Entbindungsstätten einfachster Art« für Zwangsarbeiterinnen und »Betreuungsstätten« für die Kinder eingerichtet.

Ein SS-Erlass vom 27. Juli 1943 sollte dann »die Behandlung schwangerer ausländischer Arbeiterinnen und der im Reich von ausländischen Arbeiterinnen geborenen Kinder« regeln. Nach diesem Erlass, der ausdrücklich auch für die in der Landwirtschaft eingesetzten Frauen aus Polen und der Sowjetunion galt, war es oberstes Ziel, die Arbeitskraft der Frauen trotz Schwangerschaft und Entbindung voll auszunutzen. Auf das Leben von Mutter und Kind sollte keine Rücksicht genommen werden, da sie als »rassisch minderwertig« galten. Bereits die Entbindung sollte unter schlechtesten Bedingungen stattfinden: »in der Ausländerbaracke eines deutschen Krankenhauses« wie z.B. in Stade, oder in den »Betreuungsstätten« selber. Nach einer Frist von neun, höchstens 16 Tagen mussten die Frauen abgestillt haben und zurück an ihren Arbeitsplatz. Ihre Säuglinge kamen oder blieben in »Kleinkinderbetreuungseinrichtungen einfachster Art«.

Die feststellbare Zahl von »Heimen« lag allein in Niedersachsen bei 58, weitere 31 waren geplant. In diesen »Heimen« starben mindestens zwischen 2000 bis 3000 Kinder.

Im Landkreis Stade wurden ab dem Jahr 1943 »Betreuungsstätten« für Kinder von Zwangsarbeiterinnen eingerichtet. Die Errichtung und Verwaltung der »Entbindungsstätten« und »Heime« im Landkreis Stade lag beim damaligen Landrat in der Abt. »Pflegstätten für fremdvölkische Kinder«. In einem Brief an die Bürgermeister schrieb er über den Sinn der Einrichtungen: »Die Heimunterbringung der fremdvölkischen Kinder liegt zur Hauptsache im Interesse der Arbeitgeber, da die jetzt bei der Mutter befindlichen Kinder deren Arbeitseinsatz belastet«. Am 15. Mai 1944 stellte der Landrat fest, es gebe vier Unterbringungsmöglichkeiten im Landkreis Stade und zwar in Balje, Drochtersen-Nindorf, Jork-Borstel und Klein-Fredenbeck. Es waren jeweils »Gefolgschaftsräume von Ziegeleien, die z. Z. außer Betrieb sind«, die insgesamt für 100 Kinder Platz bieten sollten.

In Balje waren Anfang 1944 laut eines Rundschreibens des Landrates bereits 10 Kinder untergebracht, im Sommer 1944 dann insgesamt 12. Das »Heim« befand sich in einer kleinen Kate in Balje-Hörne. In Balje-Hörne starben nachweislich zehn Kinder. Auf dem Friedhof in Balje wurden 13 Kinder von Zwangsarbeiterinnen begraben.

In Drochtersen-Nindorf befand sich das »fremdvölkische Kinderheim« in den Räumen der ehemaligen Ziegelei.

Wladislaw Koper, er war ein polnischer Zwangsarbeiter auf Krautsand, schrieb über die »Entbindungsstätte« und das »Heim« in seinen Erinnerungen: »Sie richteten in einer alten stillgelegten Ziegelei in Nindorf in der Nähe der Ortschaft Neuland ein Entbindungsheim und eine Säuglingskrippe ein. Dort schickte man die schwangeren Polinnen hin, und nach der Entbindung kehrten die Frauen zu den Bauern zurück. Die Kinder blieben unter der Aufsicht der Deutschen "Frau" Schmidt, einer Hebamme aus Drochtersen in der Krippe. "Frau" Schmidt versorgte die Kinder so, dass jedes von ihnen nach zwei, drei Stunden starb, und das unter großen Qualen. Sie hat mehr als dreißig polnische Kinder ermordet.«

Im Melderegister von Drochtersen sind für das »fremdvölkische Kinderheim« in Drochtersen-Nindorf vom Oktober 1944 bis April 1945 insgesamt 26 Sterbefälle verzeichnet. In Nindorf sind 19 Kinder zur Welt gekommen, von denen 11 im »Heim« starben. In Drochtersen sind auf dem kirchlichen Friedhof 26 Kinder von Zwangsarbeiterinnen begraben, von denen keines älter als 11 Monate war. Bei 23 der Kinder war der Sterbeort das »fremdvölkische Kinderheim Nindorf«.


In Jork-Borstel befand befand sich die »fremdvölkische Kinderpflegestätte« in einem Gebäude der ehemaligen »Wehrtschen Ziegelei«. Im Mai 1944 waren dort 11 Kinder untergebracht. Im Melderegister der Gemeinde Jork sind 28 Geburten und 12 Sterbefälle für die Einrichtung vermerkt. Drei der gestorbenen Säuglinge sind außerhalb des »Heimes« geboren. Die Gräber der Kinder befinden sich auf dem kirchlichen Friedhof in Borstel.

 Am 13. März 2002 wurde an der vermutlichen Begräbnisstelle am Rand des Borsteler Friedhofs ein Gedenkstein mit den Namen von zwölf Kindern eingeweiht, die zwischen Juli 1944 und Januar 1945 starben. Eine inzwischen 80-jährige ehemalige Zwangsarbeiterin, die seinerzeit in dem Heim Dienst tun musste, erinnert sich: »Und dann nahm ich den Karton, in dem die Kinder lagen. Die Deutschen hatten sie sterben lassen. Ich brachte sie zu euch auf den Friedhof und sprach ein stilles: Mit Gott.«

In Klein-Fredenbeck befand sich das »Kinderheim für Ausländer« ebenfalls in den Räumlichkeiten der ehemaligen Ziegelei. Es fanden dort nach Eintragungen im Melderegister 22 Geburten statt. In Klein-Fredenbeck ist der Tod von 17 Säuglingen nachweisbar, als häufigste Todesursache wurde »Ernährungsstörung« angegeben. Der Begräbnisort der Kinder wird auf dem Fredenbecker Friedhof vermutet. (ND-Artikel). Nach langen Querelen wurde am 16. November 2003 ein Gedenkstein eingeweiht. (Artikel in FR und ND)

In Stade haben in der »Ausländerbaracke« des Krankenhauses im großen Umfang Zwangsabtreibungen bei Ostarbeiterinnen und Polinnen stattgefunden. Auf einem Gräberfeld des Camper Friedhofes sind auch Kinder begraben, die in »Entbindungsstätten« des Landkreises Stade geboren wurden.

 In den vier »fremdvölkischen Kinderheimen« des Landkreises Stade sind nach neuesten Forschungsergebnissen 69 Geburten nachweisbar. In den »Heimen« starben 34 der dort geborenen Kinder, von fünf Kinder ist der Tod an anderen Orten des Landkreises belegt. Der Verbleib der anderen 30, in den »Heimen« geborenen, Kinder konnte nur in den wenigsten Fällen anhand von Meldeunterlagen nachgewiesen werden. 31 Kinder, die zum größten Teil auf den Arbeitsstellen der Mütter geboren sind, wurden zu einem späteren Zeitpunkt in die »Heime« eingeliefert und starben dort. Drei der Säuglinge kamen in die »Heime«, weil ihre Mütter in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert wurden, eine Mutter wurde im Rahmen der »Euthanasieaktionen« ermordet.

In verschiedenen Orten des Landkreises Stade sind mindestens weitere 16 Kinder von Zwangsarbeiterinnen bis zur Befreiung vom Faschismus im Mai 1945 gestorben. Viele Kinder von Zwangsarbeiterinnen, die die Kriegszeit in der Obhut ihrer Mütter überlebt hatten oder kurz nach dem Krieg zur Welt kamen, starben in den ersten Monaten der Nachkriegszeit in einem der Sammellager für Zwangsarbeiter. Die Gräber von mindestens 27 dieser Kinder befinden sich auf einem Gräberfeld des Friedhofes in Stade-Campe.

Weitere Informationen zum Thema unter: www.krieggegenkinder.de


Raimond Reiter: Tötungsstätten für ausländische Kinder im Zweiten Weltkrieg. Zum Spannungsverhältnis von kriegswirtschaftlichem Arbeitseinsatz und nationalsozialistischer Rassenpolitik in Niedersachsen. Hannover 1993

Heike Schlichting: Die NS-Rassepolitik und ihre Umsetzung im Landkreis Stade, in: Heike Schlichting/Jürgen Bohmbach, Alltag und Verfolgung, Der Landkreis Stade in der Zeit des Nationalsozialismus, Bd. 2, Stade 2003