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Generalmajor a. D. Gerd Schultze-Rhonhof:
„Wer wissen will, ob das stimmt, was ich geschrieben habe, soll stichprobenweise die Quellen prüfen“
(Zeitschrift „Sezession, April 2007, Heft 17) 


Es bleibt dann am Ende eine Naziquelle!
-Überprüfung einer Behauptung von Generalmajor a. D. Schultze-Rhonhof-


Generalmajor a. D. Gerd Schultze-Rhonhof aus Buxtehude hat 2003 sein geschichtsrevisionistisches Buch: „1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte“ veröffentlicht. Das Buch ist im Oktober 2007 bereits in der 6. Auflage erschienen. Die Aussagen des Autors werden mittlerweile auch über Hörbücher, eine Internetseite, einen Videovortrag im Internet und über eine DVD verbreitet. Ein Ziel Schultze-Rhonhof besteht darin, vor allem Schülern und Studenten seine revisionistische Sicht auf die Ursachen des 2. Weltkriegs zu vermitteln. Im folgenden wird anhand einer Behauptung von Schultze-Rhonhof untersucht, auf welche Quelle er sich bezieht.
 
Der Autor stellt in seinem Buch Nazi-Deutschland als einen Zufluchtsort für hunderttausende Juden aus Polen dar. So behauptet er einmal: „daß in den Jahren von 1933 bis 1938 557.000 Juden ihr polnisches Heimatland verlassen und Zuflucht im benachbarten Deutschland suchen“(1) und wieder an einer anderen Stelle „strömen 557.000 polnische Juden von Ost nach West, um in Deutschland den Verfolgungen in Polen zu entkommen.“(2) Diese von Schultze-Rhonhof verbreitete Zahl von 557 000 Juden, die angeblich im benachbarten Deutschland Zuflucht gesucht hätten, ist nicht nur auf dem ersten Blick schon aufgrund der totalen Abschottung Nazi-Deutschlands  gegenüber Zuwanderungen nicht nachvollziehbar, sie ist auch durch keine einzige ernstzunehmende Quelle belegt. Im Gegenteil, die Anzahl der in Deutschland lebenden Juden mit polnischen Pass nahm von 1933 - 1938 kontinuierlich ab.(3)

Allerdings lohnt es sich zu überprüfen, auf welche Quellen und welche Fachliteratur Schultze-Rhonhof seine Behauptung gründet, die suggerieren soll, dass die Repression gegenüber jüdischen Bürgern in Polen viel stärker war als in Deutschland, um somit den exzessiven Antisemitismus im faschistischen Deutschland zu relativieren..

Der Autor gibt in einer Fußnote als Literaturhinweis an: Benoist-Méchin, Band 7, Seite 39. Im Quellen- und Literaturverzeichnis seines Buches findet sich dazu  der folgende Eintrag: „Benoist-Méchin, Jacques (französischer Autor) zit. als Benoist-Méchin, Auf dem Weg zur Macht 1925 – 1939, Geschichte der deutschen Militärmacht 1918 – 1946, Bände 2 bis 7, Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg-Hamburg, 1965 (Titel der französischen Originalausgabe: Historie de l' Armee allemande)“(4) Jacques Benoist-Méchin (1901 – 1983) war französischer Militärschriftsteller, dessen Bücher auch in rechtsextremistischen Verlagen in Deutschland veröffentlicht wurden. Benoist-Méchin arbeitete von 1940 – 1944 als Staatssekretär in der Pétain-Regierung in Vichy. Er wurde 1945 wegen Kollaboration zunächst zum Tode verurteilt;  das Urteil wurde in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt und später erfolgte eine Begnadigung.

Der von Schultze-Rhonhof als Quelle für seine Behauptung genannte Band 7 der „Geschichte der deutschen Militärmacht“ von Benoist-Méchin ist allerdings nicht, wie angegeben, im Stalling Verlag erschienen, sondern mit dem Titel: „Wollte Adolf Hitler den Krieg, 1939: Generalprobe der Macht“ im Jahre 1971 im Verlag K.W. Schütz, Preußisch-Oldendorf.(5) Das „Handbuch Deutscher Rechtsextremismus“ schreibt über die Bedeutung des Verlages K.W. Schütz: „Das Verlagsprogramm des Schütz-Verlages ist darauf ausgelegt, die Verbrechen des NS-Regimes zu rehabilitieren. Der Großteil der Autoren kam aus führenden Positionen der Schutzstaffel (SS).“(6)
Schultze-Rhonhofs Verweis bezieht sich  allerdings nicht auf den  Buchtext, sondern lediglich auf eine Fußnote – die Fußnote 4 auf Seite 39  lautet: „Während 170 000 Juden Deutschland in den Jahren von 1933 bis 1938 verlassen hatten, waren in dem gleichen Zeitraum 557 000 polnische Juden in das Reich gekommen, um dem in Polen wütenden Antisemitismus zu entkommen. ... (Vgl. dazu Erich Kern: ‚Opfergang eines Volkes’ 2. Aufl., Göttingen 1963, S. 159/160.)“(7) Bei Benoist-Méchin findet sich also als Beleg für Schultze-Rhonhofs Behauptung interessanterweise keine Originalquelle, sondern lediglich ein Verweis auf ein Buch von Erich Kern.

Erich Kern (eigentlicher Name Erich Johannes Kernmayr 1906 – 1991) war 1939 Gaupresseamtsleiter in der Gauleitung Wien der NSDAP, 1940 Leiter der Pressestelle des Gauleiters von Saarland/Lothringen. Er trat 1941 in die SS-Division „Das Reich“ ein und avancierte zum SS-Sturmbannführer. Kern war nach 1945 in einer Vielzahl von rechtsextremistischen Organisationen aktiv.(8) Er veröffentlichte viele Bücher in rechtsextremistischen Verlagen,  die in der freien Enzyklopädie „Wikipedia“ wie folgt beurteilt werden: „Seine Publikationen sind durchzogen vom Antisemitismus völkisch-nationalistischer Propaganda und der Weißwäsche von Wehrmacht und Waffen-SS und NS-Organisationen. Nach seiner Ansicht sind die Deutschen die eigentlichen Opfer des Zweiten Weltkriegs. Einige seiner Werke sind in zahlreichen Auflagen erschienen (und erscheinen noch immer), sie bilden auch heute noch einen festen Bezugspunkt für Rechtsextremisten.“(9) Die von Benoist-Méchin genannte Stelle in  „Opfergang eines Volkes“, das 1962 im Verlag K.W. Schütz erschienen ist, lautet wie folgt: „Der nächste Schlag erfolgte von Polen aus. Rund 170 000 Juden hatten von 1933 bis Herbst 1938 Deutschland verlassen. Allerdings waren aufgrund der schlechten Erfahrungen in den Gastländern viele Tausende Juden wieder nach Deutschland zurückgewandert. Zur selben Zeit emigrieren wegen des herrschenden Antisemitismus 557 000 Juden aus Polen. In Polen sprang man zu dieser Zeit sehr rücksichtslos mit den jüdischen Bürgern um.“(10) Eine Quellenangabe findet sich bei Kern nicht, woher er die Zahl von 557 000 Juden nimmt, die angeblich wegen des herrschenden Antisemitismus aus Polen emigrieren.

Generalmajor a. D. Schultze-Rhonhof bezieht sich bei seiner Behauptung, dass 1933 bis 1938
557 000 Juden Polen verlassen und im benachbarten Deutschland Zuflucht suchen, letztendlich auf einem Nazi, der wiederum keine Quellenangabe macht. Während Erich Kern ohne irgendeinen Beleg schreibt, dass von 1933 bis 1938 aus Polen 557 000 Juden emigriert seien,  sind diese Juden dann bei Benoist-Méchin „in das Reich gekommen“ und bei Schultze-Rhonhof suchen sie sogar schon „Zuflucht im benachbarten Deutschland“.

Schultze-Rhonhof ist inzwischen dazu übergegangen, seine Behauptung  leicht abzuwandeln. Während er weiterhin schreibt  „strömen 557.00 polnische Juden von Ost nach West, um in Deutschland den Verfolgungen in Polen zu entkommen.“(11) verändert er an anderer Stelle seine Behauptung.  Er verbreitet jetzt: „daß in den Jahren von 1933 bis 1938 557.000 Juden ihr polnisches Heimatland verlassen und Zuflucht im benachbarten Deutschland oder auf dem Weg über Deutschland im westlichen Ausland suchen.“(12) Eine vergleichbare Aussage macht er mittlerweile auch in seinen Vorträgen “verließen 557.000 Juden Polen, also über eine halbe Million Juden, und suchten in Deutschland oder auf dem Weg über Deutschland Zuflucht im Ausland; meist in Frankreich und in den USA.“(13)
Schultze-Rhonhof gibt neuerdings für seine ursprüngliche Behauptung „ Während in den Jahren von 1933 bis 1938 170.000 deutsche Juden ihr eigenes Land verlassen und im Ausland Rettung vor Verfolgung suchen, strömen 557.000 polnische Juden von Ost nach West, um in Deutschland den Verfolgungen in Polen zu entkommen.“ neben Benoist-Méchin auch ein „JfZ Gutachten, Seite 80“ als Quelle an.(14) Die Literaturangabe für ein „JfZ Gutachten“ findet sich allerdings bei ihm im Quellen- und Literaturverzeichnis nicht.
   
Schultze-Rhonhof offenbart bei dem hier aufgezeigten Umgang mit historischen Quellen und der Literatur eine Herangehensweise, die sich auch bei vielen  anderen revisionistischen Buchautoren findet: Man bezieht sich bei Behauptungen auf einen anderen Autor, der wiederum einen anderen Autor als Quelle nennt. Es bleibt dann am Ende eine Naziquelle übrig, der eine nicht belegbare Behauptung zugrunde liegt.
Was Leser von so einem Umgang mit Quellen und Literatur  lernen können ist klar: Revisionistische Autoren erfinden sich ihre Behauptungen und biegen sich die Geschichte zurecht!

                                                                                                Michael Quelle, Juli 2008
 
Fußnoten:
(1) Gerd Schultze-Rhonhof: „1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte“ Olzog Verlag
 München,  2. durchgesehene Auflage  Oktober 2003, Seite 370

(2) Ebenda Seite 173
(3) Die Volkszählung am 16. Juni 1933 im Deutschen Reich gab 98747 jüdische Ausländer an, von ihnen hatten 56480 die polnische Staatsbürgerschaft. Die Zahl der Rückwanderer von ihnen wird von 1933 – 1939 auf 29000 geschätzt.
Zum nationalsozialistischen Umgang mit Ostjuden siehe: „Abschiebung und Attentat“ (Die Ausweisung der polnischen Juden und der Vorwand für die „Kristallnacht“) von Trude Maurer in: „Der Judenprogramm 1938“ Fischer Taschenbuchverlag 1988.
(4) Gerd Schultze-Rhonhof, s. o. ,Seite 541
(5) Buchkatalog der Universität Hamburg
(6) Jens Mecklenburg (Hrsg.): „Handbuch Deutscher Rechtsextremismus“, Elefanten Press Verlag, Berlin 1996, Seite 426/427
(7) Jacques Benoist-Méchin: „Wollte Adolf Hitler den Krieg – 1939 : Generalprobe der Gewalt“ (Geschichte der deutschen Militärmacht, Band 7), Verlag K.W.Schütz, Preußisch-Oldendorf 1971, Seite 39
(8) Kurt Hirsch: „Rechts von der Union“, Knesebeck & Schuler, München 1989, Seite 393/394
(9) Erich Kern -Wikipedia (freie Enzyklopädie), www.de.wikipedia.org, 21.11.2007
(10) Erich Kern: „Opfergang eines Volkes“, Verlag K.W. Schütz, Göttingen 1962, Seite 159
(11) Gerd Schultze-Rhonhof: „1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte“ Olzog Verlag München, 4. überarbeitete und erweiterte Auflage  Juli 2005, Seite 189
(12) Ebenda Seite 394
(13) Schultze-Rhonhof: „Der weite Weg zum deutsch-polnischen Krieg“, Vortrag in Hamburg am 25. März 2007 bei der SWG, abgedruckt in „Soldat im Volk“ 3/2007
(14) Gerd Schultze-Rhonhof: „1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte“ Olzog Verlag München, 6. überarbeitete und aktualisierte Auflage Oktober 2007, Seite 189